Was ist Neuraltherapie und wie funktioniert sie?

Neuraltherapie ist ein Behandlungsverfahren, bei dem kleine Mengen eines Lokalanästhetikums gezielt in bestimmte Körperregionen injiziert werden. Häufig wird dabei der Wirkstoff Procain verwendet. Die Behandlung soll lokale Schmerzen beeinflussen und wird innerhalb der Neuraltherapie darüber hinaus mit Regulationsprozessen des Nervensystems in Verbindung gebracht. Während die schmerzhemmende Wirkung von Lokalanästhetika gut bekannt ist, sind weitergehende Wirkmodelle der Neuraltherapie wissenschaftlich nicht für alle Anwendungsgebiete abschließend belegt.

Je nach Beschwerdebild können Injektionen beispielsweise in die Haut, an schmerzhafte Strukturen, in die Umgebung von Nerven oder in bestimmte Narbenbereiche erfolgen. Welche Form der Behandlung infrage kommt, sollte sich nach der individuellen gesundheitlichen Situation und einer vorherigen Untersuchung richten.

Was genau versteht man unter Neuraltherapie?

Die Neuraltherapie ist ein Injektionsverfahren, das vor allem im deutschsprachigen Raum im Bereich der komplementären beziehungsweise integrativen Medizin von einem Heilpraktiker eingesetzt wird.

Dabei werden Lokalanästhetika in niedriger Dosierung an ausgewählte Stellen des Körpers gespritzt.

Lokalanästhetika sind Medikamente, die die Weiterleitung von Nervenimpulsen vorübergehend hemmen können. Dadurch lässt sich unter anderem die Wahrnehmung von Schmerzen in einem bestimmten Bereich reduzieren.

In der Neuraltherapie wird diese bekannte pharmakologische Wirkung mit einem weitergehenden therapeutischen Konzept verbunden.

Die Behandlung soll nicht ausschließlich eine kurzfristige örtliche Betäubung erreichen. Vertreter der Neuraltherapie gehen davon aus, dass gezielte Injektionen auch länger anhaltende Veränderungen von Schmerz- und Regulationsprozessen anstoßen können.

Wie gut solche weitergehenden Effekte wissenschaftlich belegt sind, hängt jedoch stark vom jeweiligen Beschwerdebild und der konkreten Behandlungsmethode ab.

Welche Medikamente werden bei der Neuraltherapie verwendet?

In der Neuraltherapie kommen Lokalanästhetika zum Einsatz.

Besonders häufig wird Procain verwendet. Je nach Behandlungskonzept können auch andere Lokalanästhetika eingesetzt werden.

Procain ist ein seit langer Zeit bekanntes örtliches Betäubungsmittel.

Seine grundlegende pharmakologische Wirkung besteht darin, bestimmte Natriumkanäle in Nervenzellen vorübergehend zu blockieren. Dadurch wird die Weiterleitung elektrischer Signale entlang eines Nervs gehemmt.

Das erklärt die lokale betäubende beziehungsweise schmerzhemmende Wirkung.

In der Neuraltherapie werden häufig relativ geringe Konzentrationen und Mengen des Lokalanästhetikums verwendet.

Wie funktioniert ein Lokalanästhetikum?

Nervenzellen übertragen Informationen mithilfe elektrischer Signale.

Damit sich ein solches Signal entlang eines Nervs ausbreiten kann, spielen unter anderem spannungsabhängige Natriumkanäle eine wichtige Rolle.

Lokalanästhetika können diese Kanäle vorübergehend blockieren.

Dadurch wird die Weiterleitung eines Nervenimpulses gehemmt.

Dieser Mechanismus wird beispielsweise auch bei örtlichen Betäubungen in der Zahnmedizin, Chirurgie oder Schmerzmedizin genutzt.

Die Wirkung ist grundsätzlich reversibel: Nach dem Abbau beziehungsweise Abtransport des Wirkstoffs kann die normale Nervenleitung wieder zurückkehren.

Ist Neuraltherapie einfach eine örtliche Betäubung?

Nein, zumindest nicht nach dem Behandlungskonzept der Neuraltherapie.

Die kurzfristige Wirkung eines Lokalanästhetikums lässt sich zunächst durch seine bekannte pharmakologische Wirkung erklären.

Das therapeutische Konzept der Neuraltherapie geht jedoch darüber hinaus.

Dabei wird angenommen, dass eine gezielte Injektion bestimmte Schmerz- und Regulationsprozesse beeinflussen kann und eine therapeutische Wirkung unter Umständen länger anhält als die eigentliche lokale Betäubung.

Genau an dieser Stelle ist eine wissenschaftliche Differenzierung wichtig.

Dass Lokalanästhetika Nervenleitungen vorübergehend blockieren und Schmerzen beeinflussen können, ist medizinisch gut etabliert.

Ob und über welche Mechanismen neuraltherapeutische Injektionen darüber hinaus längerfristige regulatorische Wirkungen erzielen, ist dagegen nicht für alle Anwendungen ausreichend wissenschaftlich geklärt.

Wo wird bei einer Neuraltherapie gespritzt?

Die Injektionsstelle hängt vom jeweiligen Behandlungskonzept und Beschwerdebild ab.

Neuraltherapeutische Injektionen können beispielsweise erfolgen:

  • in beziehungsweise unmittelbar unter die Haut,
  • an schmerzhafte Körperregionen,
  • in die Umgebung bestimmter Nerven,
  • an bestimmte Muskel- oder Gewebestrukturen oder
  • im Bereich von Narben.

Die Injektion sollte nicht nach einem pauschalen Schema erfolgen.

Zunächst muss geklärt werden, welche Beschwerden bestehen, welche Strukturen möglicherweise beteiligt sind und ob gesundheitliche Gründe gegen eine bestimmte Injektion sprechen.

Was ist eine Quaddelung?

Eine vergleichsweise oberflächliche Form der Injektion ist die sogenannte Quaddelung.

Dabei wird eine kleine Menge eines Lokalanästhetikums sehr oberflächlich in beziehungsweise unmittelbar unter die Haut injiziert.

An der Einstichstelle entsteht vorübergehend eine kleine sichtbare Erhebung – die sogenannte Quaddel.

Je nach neuraltherapeutischem Behandlungskonzept können mehrere solcher Injektionen in einer bestimmten Körperregion gesetzt werden.

Davon zu unterscheiden sind tiefer ausgeführte Injektionen, beispielsweise in die Umgebung bestimmter Nerven oder anderer anatomischer Strukturen.

Was bedeutet Segmenttherapie?

Ein traditionelles Konzept innerhalb der Neuraltherapie ist die sogenannte Segmenttherapie.

Dabei werden Beschwerden bestimmten Körpersegmenten beziehungsweise miteinander verbundenen nervalen Strukturen zugeordnet.

Die Behandlung erfolgt dann beispielsweise durch oberflächliche oder tiefere Injektionen innerhalb des betreffenden Bereichs.

Das zugrunde liegende Konzept geht davon aus, dass Haut, Muskulatur, Nerven und andere Strukturen über das Nervensystem miteinander in Beziehung stehen.

Einige dieser anatomischen und neurophysiologischen Zusammenhänge sind grundsätzlich bekannt. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jedes traditionelle neuraltherapeutische Erklärungsmodell wissenschaftlich bestätigt ist.

Was ist die sogenannte Störfeldtherapie?

Ein weiterer traditioneller Bestandteil der Neuraltherapie ist das Konzept des „Störfeldes“.

Dabei wird angenommen, dass bestimmte chronisch veränderte Körperregionen Beschwerden an einer anderen Stelle des Körpers beeinflussen könnten.

Als mögliche Störfelder werden innerhalb der Neuraltherapie beispielsweise Narben oder chronisch entzündete Bereiche diskutiert.

Durch eine Injektion eines Lokalanästhetikums in das vermutete Störfeld soll dieser Einfluss unterbrochen werden.

Dieses Konzept gehört historisch zur Neuraltherapie, sollte wissenschaftlich aber von der gesicherten pharmakologischen Wirkung eines Lokalanästhetikums unterschieden werden.

Die Existenz und Bedeutung von „Störfeldern“ im neuraltherapeutischen Sinne ist wissenschaftlich nicht in gleicher Weise etabliert wie die lokale Wirkung von Procain und anderen Lokalanästhetika.

Was hat das vegetative Nervensystem mit Neuraltherapie zu tun?

In Erklärungsmodellen der Neuraltherapie spielt häufig das vegetative beziehungsweise autonome Nervensystem eine wichtige Rolle.

Dieses Nervensystem steuert zahlreiche Körperfunktionen, die weitgehend unbewusst ablaufen. Dazu gehören beispielsweise Regulationen von Kreislauf, Verdauung und verschiedenen Organfunktionen.

Auch an der Verarbeitung von Schmerz und an Reaktionen auf Entzündungen sind komplexe nervale Mechanismen beteiligt.

In der Neuraltherapie wird angenommen, dass gezielte Injektionen mit Lokalanästhetika solche Regulationsmechanismen beeinflussen können.

Wie groß dieser Effekt unter klinischen Bedingungen tatsächlich ist und welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen, ist Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

Bei welchen Beschwerden wird Neuraltherapie eingesetzt?

Neuraltherapie wird besonders häufig im Zusammenhang mit Schmerzen eingesetzt.

Dazu können je nach Behandlungskonzept beispielsweise gehören:

  • Rücken- und Nackenschmerzen,
  • bestimmte Gelenkbeschwerden,
  • muskuläre Schmerzen,
  • bestimmte Formen chronischer Schmerzen,
  • Neuralgien beziehungsweise Nervenschmerzen,
  • bestimmte Kopfschmerzformen und
  • Beschwerden im Bereich von Narben.

Darüber hinaus wird Neuraltherapie auch für zahlreiche weitere Beschwerden angeboten.

Dabei ist jedoch wichtig:

Die Tatsache, dass Neuraltherapie bei einer bestimmten Erkrankung eingesetzt wird, bedeutet nicht automatisch, dass ihre Wirksamkeit dafür wissenschaftlich nachgewiesen ist.

Die Qualität der wissenschaftlichen Evidenz unterscheidet sich erheblich zwischen den verschiedenen Anwendungsgebieten.

Wie schnell wirkt eine Neuraltherapie?

Die lokale Wirkung eines injizierten Lokalanästhetikums kann vergleichsweise schnell einsetzen.

Wie schnell ein Patient eine Veränderung seiner Beschwerden wahrnimmt und wie lange diese anhält, kann jedoch individuell sehr unterschiedlich sein.

Eine kurzfristige Schmerzreduktion unmittelbar nach der Injektion ist außerdem nicht automatisch mit einem langfristigen Behandlungserfolg gleichzusetzen.

Für die Beurteilung einer Behandlung ist deshalb der weitere Verlauf wichtig.

Dabei sollte beobachtet werden, ob sich Beschwerden, Beweglichkeit und körperliche Funktion über einen angemessenen Zeitraum tatsächlich verändern.

Ist die Wirkung der Neuraltherapie wissenschaftlich nachgewiesen?

Diese Frage lässt sich nicht mit einem pauschalen Ja oder Nein beantworten.

Die pharmakologische Wirkung von Lokalanästhetika ist wissenschaftlich gut untersucht. Auch der therapeutische Einsatz lokaler Anästhetika bei verschiedenen Schmerzformen ist Gegenstand klinischer Forschung.

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 untersuchte 129 Studien zum therapeutischen Einsatz niedrig dosierter Lokalanästhetika. Der größte Teil der untersuchten Anwendungen betraf chronische und akute Schmerzen.

Die Autoren fanden Hinweise auf positive therapeutische Effekte, betonten gleichzeitig aber ausdrücklich, dass weitere größere und methodisch hochwertige randomisierte kontrollierte Studien erforderlich sind.

Hinzu kommt ein wichtiger Unterschied:

Forschung zum therapeutischen Einsatz von Lokalanästhetika ist nicht automatisch ein Wirksamkeitsnachweis für sämtliche Konzepte und Anwendungsgebiete der Neuraltherapie.

Insbesondere weitergehende Erklärungsmodelle wie die traditionelle Störfeldtheorie müssen separat betrachtet werden.

Welche Risiken hat Neuraltherapie?

Da bei der Neuraltherapie Medikamente injiziert werden, ist sie kein vollkommen risikofreies Verfahren.

Mögliche unerwünschte Wirkungen hängen unter anderem von der Injektionsstelle, dem verwendeten Medikament, der Dosierung und der individuellen gesundheitlichen Situation ab.

Zu den möglichen Reaktionen können beispielsweise gehören:

  • Schmerzen an der Einstichstelle,
  • kleine Blutergüsse,
  • vorübergehende Taubheitsgefühle,
  • Blutungen,
  • Infektionen und
  • allergische beziehungsweise Überempfindlichkeitsreaktionen.

Bei tieferen Injektionen können je nach behandelter Körperregion zusätzliche Risiken bestehen.

Lokalanästhetika können außerdem bei unbeabsichtigt hoher systemischer Konzentration unter anderem Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem und das Herz-Kreislauf-System haben.

Deshalb sollten Art, Ort und Dosierung der Injektion sorgfältig gewählt werden.

Für wen ist Neuraltherapie nicht geeignet?

Ob eine Neuraltherapie durchgeführt werden kann, muss individuell beurteilt werden.

Eine Rolle können beispielsweise Allergien beziehungsweise Unverträglichkeiten gegenüber dem vorgesehenen Lokalanästhetikum, bestimmte Erkrankungen, Medikamente oder ein erhöhtes Blutungsrisiko spielen.

Auch die geplante Injektionsstelle ist relevant.

Vor einer Behandlung sollte deshalb eine Anamnese erfolgen, bei der Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien und weitere gesundheitliche Faktoren berücksichtigt werden.

Wie läuft eine neuraltherapeutische Behandlung ab?

Am Anfang steht eine Anamnese.

Dabei werden die aktuellen Beschwerden, deren Verlauf, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien sowie bereits durchgeführte Untersuchungen und Behandlungen besprochen.

Anschließend erfolgt abhängig vom Beschwerdebild eine körperliche Untersuchung.

Erst danach sollte entschieden werden, ob Neuraltherapie infrage kommt und welche Form der Injektion sinnvoll erscheint.

Vereinfacht lässt sich der Ablauf so darstellen:

Anamnese → Untersuchung → Prüfung möglicher Risiken → Auswahl der Injektionsstelle → Injektion → Beobachtung der Reaktion → Beurteilung des weiteren Verlaufs

Die konkrete Durchführung kann sich je nach Patient und Beschwerdebild unterscheiden.

Ist Neuraltherapie eine Alternative zur Schulmedizin?

Neuraltherapie sollte nicht als pauschale Alternative zu notwendiger medizinischer Diagnostik oder Behandlung verstanden werden.

Gerade bei neu auftretenden, starken, ungewöhnlichen oder sich verschlechternden Beschwerden muss zunächst geklärt werden, welche Ursache dahinterstecken könnte.

Je nach Erkrankung können beispielsweise ärztliche Diagnostik, Medikamente, Physiotherapie, Bewegungstherapie, operative Verfahren oder andere Behandlungen erforderlich sein.

Neuraltherapie kann – sofern sie im konkreten Fall geeignet erscheint – als Teil eines umfassenderen Behandlungskonzeptes betrachtet werden.

Kurz zusammengefasst: Was ist Neuraltherapie?

Neuraltherapie ist ein Injektionsverfahren, bei dem kleine Mengen eines Lokalanästhetikums – häufig Procain – gezielt an bestimmte Körperstellen gespritzt werden.

Die bekannte pharmakologische Wirkung von Lokalanästhetika besteht darin, die Weiterleitung von Nervenimpulsen vorübergehend zu hemmen.

Das Konzept der Neuraltherapie geht darüber hinaus und nimmt an, dass gezielte Injektionen auch länger anhaltende Veränderungen von Schmerz- und Regulationsprozessen auslösen können.

Hierbei ist eine wissenschaftliche Differenzierung wichtig: Während die Wirkung von Lokalanästhetika gut untersucht ist, ist die Evidenz für einzelne neuraltherapeutische Anwendungsgebiete und insbesondere für weitergehende traditionelle Erklärungsmodelle unterschiedlich.

Eine verantwortungsvolle Neuraltherapie sollte deshalb auf einer sorgfältigen Anamnese und Untersuchung beruhen und mögliche Risiken, Gegenanzeigen sowie die Grenzen des Verfahrens berücksichtigen.

Neuraltherapie bei Martin Hammacher

Martin Hammacher ist Heilpraktiker und verfügt über langjährige Erfahrung mit Neuraltherapie sowie osteopathischen, chiropraktischen und weiteren manuellen Behandlungsmethoden. In seinen Praxen in Düsseldorf-Angermund und Köln-Rodenkirchen wird zunächst die individuelle Beschwerdesituation betrachtet.

Auf Grundlage von Anamnese und Untersuchung wird entschieden, ob eine neuraltherapeutische Behandlung im individuellen Fall infrage kommt.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung, Untersuchung oder Diagnose.

Author: Martin Hammacher

zuletzt fachlich geprüft/aktualisiert: 2.10.2026